Ein Jahr nach dem Jungen Theater im Zwinger in Heidelberg bringt das Nationaltheater Mannheim seine eigene Version von Jewgenij Samjatins Dystopie WIR von 1920 auf seine Werkbühne. Die Besetzung ist auf zwei reduziert, dafür ist das Bühnenbild noch wandlungsfähiger als in der Heidelberger Inszenierung. In Mannheim zieht Rocco Brück als D-503 die meiste Aufmerksamkeit auf sich, während Sarah Zastrau neben ihrer Rolle als I-330 weitere Nebengestalten verkörpert. Der eigenwilligste Einfall ist sicher, dass eine Orange die Rolle der O-90 übernimmt. Eine Anspielung auf Prokofjew?
Die Mannheimer Inszenierung ist beim Bühnenbild und den Kostümen deutlich weniger stilisiert als die des Heidelberger Jugendtheaters und wirkt beispielsweise durch das projizierte Laptop-Tagebuch aktueller. Aber beide Inszenierungen belegen, dass die Zeit von Samjatins visionären Text mittlerweile gekommen ist. Das ist nicht zwingend begrüßenswert, aber die Gegenwart ist halt manchmal doch die Zukunft der Vergangenheit
Mitteilungen des interdisziplinären, transregionalen und extrauniversitären Seminars für Science Fiction Film und Anverwandtes mit Zweigstellen in Marburg, Heidelberg, Stuttgart, Darmstadt und ehemaligen Zweigstellen in Singapur und Korbach.
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Sonntag, September 08, 2019
Samstag, April 14, 2018
WIR heute
Jewgeni Samjatins schrieb seine Dystopie WIR 1920, in der Sowjetunion durfte das Buch nicht erscheinen, erstmals wurde es 1924 auf Englisch veröffentlicht. Eine deutsche Übersetzung erschien erst 1958 und ließ Huxleys Brave New World (1932) und Orwells Nineteen Eighty-four (1949) in neuem Licht erscheinen. Verfilmt wurde der Roman 1982, produziert vom ZDF und hier anzuschauen.
Das Junge Theater im Zwinger hat sich unter der Regie von Natalie Kalmbach an eine Bühnenfassung gewagt - mit Erfolg: Das Emsemble überzeugt ebenso wie die reduzierte, aber wirkungsvolle Kulisse, die Choreographie und Kostüme. Erfahrbar wird, wie die aufkeimende Individualität (Seele und Fantasie) von D-503 den uhrwerksgleich reglementierten Alltag durchbricht und das kleine Rädchen mit der Maschine des Staates in Konflikt gerät.
Die Dramatisierung belegt, dass es sich lohnt, Samjatins WIR nicht nur als Inspiration von Huxley und Orwell, sondern als erstaunlich frisch geliebene Warnung wiederzuentdecken:
Worum haben die Menschen von Kindesbeinen an gebetet, wovon haben sie geträumt, womit haben sie sich gequält? Daß irgendeiner ihnen ein für allemal sage, was das Glück ist, und sie mit einer Kette an dieses Glück schmiede. Und ist dies nicht gerade das, was wir tun?
Eine berechtigte Frage, leider auch heute noch.
Das Junge Theater im Zwinger hat sich unter der Regie von Natalie Kalmbach an eine Bühnenfassung gewagt - mit Erfolg: Das Emsemble überzeugt ebenso wie die reduzierte, aber wirkungsvolle Kulisse, die Choreographie und Kostüme. Erfahrbar wird, wie die aufkeimende Individualität (Seele und Fantasie) von D-503 den uhrwerksgleich reglementierten Alltag durchbricht und das kleine Rädchen mit der Maschine des Staates in Konflikt gerät.
Die Dramatisierung belegt, dass es sich lohnt, Samjatins WIR nicht nur als Inspiration von Huxley und Orwell, sondern als erstaunlich frisch geliebene Warnung wiederzuentdecken:
Worum haben die Menschen von Kindesbeinen an gebetet, wovon haben sie geträumt, womit haben sie sich gequält? Daß irgendeiner ihnen ein für allemal sage, was das Glück ist, und sie mit einer Kette an dieses Glück schmiede. Und ist dies nicht gerade das, was wir tun?
Eine berechtigte Frage, leider auch heute noch.
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