Donnerstag, Juni 14, 2018

Komm zu einem Hund

Wes Anderson ist die Pippi Langstrumpf unter den Autorenfilmern. Er baut sich seine Welt, wie sie ihm gefällt. Diesmal erschafft er in Isle of Dogs ein zukünftiges Japan, das bereits in der Vergangenheit liegt, grob in den 2000er-Jahren, gesehen aus der Perspektive der Siebziger- und das gefilmt in altmodischer Stop-Motion-Technik. Hunde sind die Opfer des rücksichtslosen Bürgermeisters von Megasaki, der die Haustiere zu Sündenböcken erklärt und auf eine Müllinsel verbannt. Atari, Mündel des Bürgermeisters, fliegt auf die Insel, um seinen Hund Spot zu suchen. Eine Hunde-Gang hilft ihm bei dieser Suche...

Anderson bleibt sich in seiner retrofuturistischen Japan-Hommage treu, aber ihm gelingt bei all der detailversessenen Ästheitk eine Fabel über Intoleranz, Ausgrenzung und Hetze, die mit einem hoffnungsvollen Ende aufwartet. Das erreicht vielleicht nicht unbedingt die Größe von George Orwells Animal Farm, das auch als Zeichentrickfilm überzeugte, aber Andersons Film ist mehr als ein visuelles Kunststück. Hunde sind auch nur Menschen. Vier Beine gut, zwei Beine ... nicht ganz so schlecht.

P.S. Der Titel dieses Posts ergab sich durch Rückübersetzung der japanischen Übersetzung von "auf den Hund kommen" im Google-Translator.

Montag, Mai 14, 2018

Memories are made of X

Der junge britische Dramatiker Alistair McDowall wagt sich mit seinem Stück X (2016) hinaus in die Außenregion unseres Sonnensystem. X erlebte jetzt am Nationaltheater in Mannheim seine deutschsprachige Uraufführung. Die Crew einer Forschungsstation auf Pluto hat die Verbindung zur Erde verloren und klammert sich an Routinen, Erinnerungen und die Uhrzeit, bis auch die ihren Geist aufgibt. Ohne ein Koordinatensystem aus festen Zeiten und einem verlässlichen Informationsausstausch mit der Außenwelt gerät nicht nur das Leben auf der Station aus den Fugen, sondern auch die Szenenfolge in der Dalli-Dalli-Kulisse. Der normale Zeitverlauf ist ausgehebelt, Erinnerungen wandern von Person zu Person, Sprache reduziert sich bis zum zischend ausgesprochenen Platzhalter X. Das ist bis auf einige repetitive Längen spannend inszeniert, intellektuell anregend und durchaus Science Fiction. Eine distanzierende Äußerung des Autors wie "X ist nicht wirklich Science fiction, das ist nur eine Maske" kaschiert nur, dass sich für das eine oder andere Versatzstück von X gut erkennbare Vorbilder in Werken wie Stanislaw Lems Solaris, Kurt Vonneguts Slaughterhouse Five und John Carpenters Dark Star finden lassen. Aber vielleicht täuscht da auch nur meine Erinnerung. Fang nochmal an...

Montag, April 30, 2018

Psssst!

Silence is golden ... und überlebenswichtig, das macht A Quiet Place von John Krasinski eindringlich klar, der das zugegebenermaßen unwahrscheinliche Szenario einer von äußerst geräuschempfindlichen Außerirdischen eroberten Erde präsentiert, in der eine Familie gezwungen ist, mucksmäuschenstill zu sein. Man fühlt sich an ähnlich klaustrophobisch-extraterrestrische Begegnungen wie in Signs oder Spielbergs War of the Worlds erinnert.

Wem der Science-Fiction-Plot zu dünn ist (Wer um alles im Universum, der seine Ruhe liebt, sollte ausgerechnet die lärmende Erde erobern?), der kann sich vielleicht eher mit der märchenhaften Situation und Logik einer Familie in einem dunklen Wald umgeben von höchst leichthörigen Dämonen anfreunden. Doch das spielt keine Rolle, denn in diesem packenden Film erlebt man endlich mal wieder richtige Menschen, mit denen man mitfiebert, Spannung, die im besten Sinne hintergründig ist, und ein durchladendes Gefühl der Befreiung am Ende des Films, der nur an einer Stelle den Nagel nicht auf dem Kopf trifft. Und es beschleicht einen insgeheim der Wunsch, die Außerirdischen würden sich die Popcorn-Raschler direkt in der Reihe hinter einem im Kino schnappen.

Mittwoch, April 25, 2018

Das Realitäts-Rätsel

"Nur die Realität ist real", diese magere Erkenntnis und letztlich tautologische Aussage steht ausgerechnet am Schluss von 140 Minuten verfilmten Virtual-Reality-Eskapismus von Ready Player One, in dem Stephen Spielberg die futuristisch-nostalgische Retro-Zukunft des Romans von Ernest Cline für die große Leinwand inszeniert. Gewiss, Steven Spielberg hat ein Händchen für Science Fiction und junge Hauptfiguren, doch überladene Detailverliebtheit reicht nicht, um aus der Erinnerungsrumpelkammer eines tranigen und ungeküssten Supernerds eine dichte und überzeugende Filmgeschichte zu machen. Selbst 3D kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die "virtuelle" Achtzigerjahre-Fete flach ist und der "realen" Zukunft jede Tiefe und Plausibilität abgeht. Eine Eighties-Schnitzeljagd ist nicht abendfüllend, und die tröstende Wirkung von popkulturellen Eskapismus hat Ben Folds in seinem Song Underground in vier Minuten stimmiger abgehandelt. Fazit: Achtzigerjahre-Nostalgie stellt sich am besten bei Filmen aus den Achtzigerjahren ein, bei denen man unwillkürlich den Wunsch verspürt, nach Hause zu telefonieren. Und: Nur die Virtualität ist virtuell.
Da, wo Ready Player One, überladen daherkommt, ist Das Zeiträtsel auf merkwürdige Weise "unterladen". Der Film beruht auf dem 1962 erschienenen Kinderbuch A Wrinkle in Time von Madeleine L'Engle. Ava DuVernay, die erste afroamerikanische Frau, der die Regie eines Big-Budget-Films anvertraut wurde, punktet mit einem hübschen, (positiv) politisch korrekten Einstiegsszenario. Das driftet aber durch das Auftreten dreier aufgedonnerter Feen in Science-Fantasy-Gefilde ab, die sich in Buchform vermutlich überzeugender umsetzen lassen. Durch Tessern erreichen Meg, ihr jüngerer Bruder Charles Wallace und Nachbarsjunge Calvin knallbunte, aber aseptisch-leere Planeten. DuVernay kommt dabei über einen "Alice in Oz"-Verschnitt nicht hinaus, der oft arg gefühlsduselig gerät. Dennoch hat Das Zeiträtsel trotz seiner Fehlstellen mehr Charme als der überladene Ready Player One. Beide Filme eint,dass sie von weniger Computeranimation und besserem Drehbuch profitiert hätten. In beiden Fällen wäre es ein interessantes Gedankenspiel, was ein wagemutigerer Regisseur wie Captain Chaos aus den Stoffen gemacht hätte.

Pacific Rim 2: Der größte Krampf ...


... noch größerer Blödsinn!

Samstag, April 14, 2018

WIR heute

Jewgeni Samjatins schrieb seine Dystopie WIR 1920, in der Sowjetunion durfte das Buch nicht erscheinen, erstmals wurde es 1924 auf Englisch veröffentlicht. Eine deutsche Übersetzung erschien erst 1958 und ließ Huxleys Brave New World (1932) und Orwells Nineteen Eighty-four (1949) in neuem Licht erscheinen. Verfilmt wurde der Roman 1982, produziert vom ZDF und hier anzuschauen.

Das Junge Theater im Zwinger hat sich unter der Regie von Natalie Kalmbach an eine Bühnenfassung gewagt - mit Erfolg: Das Emsemble überzeugt ebenso wie die reduzierte, aber wirkungsvolle Kulisse, die Choreographie und Kostüme. Erfahrbar wird, wie die aufkeimende Individualität (Seele und Fantasie) von D-503 den uhrwerksgleich reglementierten Alltag durchbricht und das kleine Rädchen mit der Maschine des Staates in Konflikt gerät.
Die Dramatisierung belegt, dass es sich lohnt, Samjatins WIR nicht nur als Inspiration von Huxley und Orwell, sondern als erstaunlich frisch geliebene Warnung wiederzuentdecken:
Worum haben die Menschen von Kindesbeinen an gebetet, wovon haben sie geträumt, womit haben sie sich gequält? Daß irgendeiner ihnen ein für allemal sage, was das Glück ist, und sie mit einer Kette an dieses Glück schmiede. Und ist dies nicht gerade das, was wir tun?
Eine berechtigte Frage, leider auch heute noch.

Sonntag, März 25, 2018

Sonntag, März 11, 2018

Immer noch der ultimative Trip

2001 - A Space Odyssey ist auch nach 50 Jahren ein Film, der in der Fülle des Science-Fiction-Genres weit herausragt. Stanley Kubrick, Arthur C. Clarke und ihre vielen Mitstreiterinnen und Mitstreiter schufen ein filmisches Monument, das so schön und rätselhaft wie der außerirdische Monolith ist und das den unbedingten Willen zur realistischen Inszenierung mit dem Mut zur psychedelischen Transzendenz vereint. Das Deutsche Filmmuseum in Frankfurt widmet dem Film vom 21. März bis zum 23. September eine Sonderausstellung, die man wie die große Kubrick-Ausstellung, die seit 2004 durch die Welt tourt, sicher nicht verpassen sollte.

The Oscar from the Blue Lagoon

Das SfSFF gratuliert Guillermo del Toro zum Gewinn der Oscars für den besten Film und die beste Regie. Shape of Water ist sicherlich einer der eigenartigsten Filme, die zu Oscar-Ehren gekommen sind, gleichermaßen ein Fantasy-Filmmärchen mit Retro-Look in modernster Ausführung, eine Hommage an das klassische Kino mit gar nicht so gestrigen Untertönen, eine extravagante Ausstattungsorgie, eine unmögliche Romanze, deren Rührseligkeit den Kitsch streift, aber auch brutale Härten zulässt, und last but not least ein amerikanischer Film, den der mexikanische Regisseurs als seinen "ersten französischen Film" bezeichnet. Ähnlich wie Terry Gilliam ist Guillermo del Toro ein Regisseur, der polarisiert, aber unzweifelhaft ein Könner mit einer echten Leidenschaft fürs Kino.

Sonntag, Februar 11, 2018

Klein, aber

Downsizing formuliert eine Idee als zunächst ökologisch motivierte Absicht aus, die sonst nur aus Versehen geschieht: die Verkleinerung des Menschen. Paul Safranek (Matt Damon) unterzieht sich der dafür nötigen Prozedur, nur um festzustellen, dass seine Frau die Schrumpfung in letzter Sekunde scheut und in Normalgröße zurückbleibt - unüberwindliche Größenunterschiede als Trennungsgrund. Der Film von Alexander Payne, der als interessante Gesellschaftssatire beginnt, mäandert aber in seinen viel zu langen 135 Minuten zu unentschieden zwischen verhaltener Komödie, Kapitalismuskritik, Selbstfindungsgeschichte, Beziehungsdrama und norwegischer Prä-Apokalypse. Die Tricktechnik bietet witzige Schauwerte, Christoph Waltz bereichert mit seiner Präsenz das eigentlich hervorragende Ensemble und Udo Kier ist gänzlich unerwartet mit an Bord, dennoch ist Downsizing keine filmische Großtat, aber der beste Film, in dem Matt Damon, Christoph Waltz und Udo Kier jemals zusammen gespielt haben.